«Storylines»
Die Ausstellung «Storylines» versammelt neue Editionen von Valentin Rilliet, Yoan Mudry, Romane de Watteville und Jeanne Jacob, in denen einzelne Bilder zu Ausgangspunkten offener Erzählungen werden. Der Titel lässt sich doppelt lesen: als Hinweis auf Handlungsfäden, die sich kreuzen, abbrechen oder wieder aufgenommen werden, und auf die gezeichnete und gedruckte Linie, aus der die Bilder hervorgehen. Die malerisch angelegten Arbeiten wurden in Lithografie, Monotypie und Siebdruck realisiert.
Die vier Künstler:innen greifen auf Mythen, kunsthistorische Motive, Film, Comics, Werbung, soziale Medien und persönliche Beobachtungen zurück. Figuren erscheinen mitten in einer Bewegung, Blicke treffen aufeinander, Körper berühren sich, Tier- und Fabelwesen blicken uns entgegen. Was den Szenen vorausging und was ihnen folgen könnte, bleibt ausserhalb des Bildes. Die Werke geben Hinweise, legen jedoch keine eindeutige Handlung fest. Ihre Geschichten entstehen dort, wo sich das Dargestellte mit den Erinnerungen, Erwartungen und Vorstellungen der Betrachtenden verbindet.

Ausstellungsansicht «Storylines» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Valentin Rilliets vier Lithografien entstanden im Rahmen eines über neun Monate angelegten Workshops in der Steindruckerei Wolfensberger. Die verwendeten Steine gaben jeweils Format und Bildausschnitt vor, während jede Farbebene eine erneute Abstimmung der Komposition verlangte. Rilliet nutzte diesen langsamen Prozess, um die Unterschiedlichkeit seiner Bildsprache weiterzuentwickeln. In «Heist» wird eine Ernteszene zum möglichen Tatort, während «Ghost of a Dragonfly» ein massiges rotes Fabelwesen einer beinahe schwerelosen Libelle gegenüberstellt. In «Aquamarine» wird das Festhalten eines karpfenartigen Fisches zu einer Begegnung zwischen Rettung und Kampf. Das Grossformat «An Escape in Jade» führt janusköpfige Frauenfiguren, ein elegantes Interieur und graue Wolken zu einer räumlich fragmentierten Szene zusammen. Rilliet arbeitet ähnlich wie ein Filmemacher oder Autor, der zu Figuren und Situationen zurückkehrt und ihnen neue Rollen gibt. Eine wichtige Quelle sind die Lianhuanhua, populäre chinesische Bildergeschichten, deren Figuren und Bildfragmente er in neue Zusammenhänge versetzt. So erscheinen die vier Blätter wie Episoden einer grösseren, nur ausschnittweise sichtbaren Mythologie.

Ausstellungsansicht Valentin Rilliet, «Storylines» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Yoan Mudrys Siebdruck «Stan 3» basiert auf einer Malerei aus der Serie «A brief history of humanity and how it will end». Eine niedliche Katze blickt uns mit grossen Augen entgegen, während der Hintergrund an eine Rauchwolke erinnert, als wäre die Welt bereits zu Asche zerfallen. Der Gegensatz zwischen dem vertrauten Tierbild und dem möglichen Ende der Menschheit ist zugleich humorvoll und beunruhigend. Bilder von Katzen können in Zeiten der Unsicherheit Trost spenden, aber ebenso als Ablenkung oder Ausdruck von Überforderung gelesen werden. Mudry arbeitet seit vielen Jahren mit vorgefundenem Text- und Bildmaterial aus Werbung, Buchcovern, Comics, Filmen und dem Internet. Seine collageartigen Kompositionen entstehen zunächst am Bildschirm und werden anschliessend in einem zeitintensiven Prozess in Malerei oder Druckgrafik übertragen. In «Stan 3» wird ein Bild, das der schnellen digitalen Zirkulation entstammen könnte, wieder zu einem physischen Objekt. Die Katze erscheint darin als Trostbild, Projektionsfläche und mögliche letzte Zeugin einer Zukunft ohne Menschen.

Ausstellungsansicht Yoan Mudry, «Storylines» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Romane de Watteville macht in ihren beiden grossformatigen Lithografien «Show Me» und «Mix and Match» das Sehen selbst zum Thema. Eine Protagonistin richtet ihr Smartphone auf uns. Beobachten wir sie beim Aufnehmen eines Selfies, oder sind wir selbst in das Blickfeld ihrer Kamera geraten? Das Smartphone ist zugleich Linse, Bildschirm und Barriere zwischen der dargestellten Figur und den Betrachtenden. Durch die präzise gewählten Bildausschnitte und Perspektiven zieht de Watteville uns in die Szene hinein, ohne unsere Position darin eindeutig festzulegen. Als Alter Ego der Künstlerin bewegt sich die Protagonistin mithilfe von Kleidung, Schuhen und Accessoires zwischen Glamour, Kitsch und Kostüm. Die Ästhetik des Schnappschusses hält die Situation zwischen selbstbewusster Pose und dem Verstecken hinter dem Bildschirm in der Schwebe. Aus einem vertrauten Alltagsmotiv entsteht so eine Erzählung über Beobachtung und Selbstinszenierung, aber auch über die Nähe und Distanz, die digitale Bilder gleichzeitig herstellen.

Ausstellungsansicht Romane de Watteville, «Storylines» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Jeanne Jacobs Serie «Known gestures whatever happens» umfasst 15 Unikate, in denen die Künstlerin Lithografie und Monotypie miteinander verbindet. Zwei lithografische Motive bilden das Grundgerüst: Auf dem einen hält eine Person eine andere in den Armen, auf dem zweiten sitzen sich zwei Menschen gegenüber und berühren sich mit den Füssen. Die Gesten erscheinen vertraut, lassen sich aber nicht eindeutig bestimmen. Sie können schützend, zärtlich oder possessiv sein und erinnern sowohl an Vesperbilder und Engel als auch an kodifizierte Darstellungen heroischer Taten im Film. Jacob druckte die Motive in unterschiedlichen Variationen und bearbeitete jedes Blatt anschliessend mithilfe der Monotypie weiter. Landschaften und Wolken treten hinzu, einzelne Elemente verschwinden, während Köpfe, Tiere und hybride Wesen auftauchen. So entwickelt jedes Blatt ein eigenes Narrativ. Die androgynen Körper und ihre betonte Verletzlichkeit entziehen sich festen Rollen und gängigen Schönheitsvorstellungen. Zwischen Kampf und Zärtlichkeit untersucht Jacob, wie Nähe dargestellt, aufgeführt und tatsächlich empfunden werden kann. Die vier Positionen verbindet weniger eine gemeinsame Ästhetik als eine bestimmte Form des offenen Erzählens. Tier- und Fabelwesen, Vorstellungen vom Ende der Menschheit, ein auf uns gerichteter Kamerablick und eine ambivalente Berührung werden zu Ausgangspunkten möglicher Geschichten.

Ausstellungsansicht Jeanne Jacob, «Storylines» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Die entscheidenden Momente bleiben ausgespart. Dadurch können die Szenen mit jeder Betrachtung eine andere Richtung einschlagen. Auch die Druckverfahren verstärken diese Offenheit. In der Lithografie entstehen die Bilder aus einzelnen Ebenen, die Monotypie verwandelt eine wiederkehrende Ausgangssituation in Unikate, und der Siebdruck überführt ein zirkulierendes Bild in eine materielle Form. In einer Gegenwart, in der Bilder in schneller Folge kursieren und unmittelbar verständlich erscheinen sollen, verlangen die Arbeiten in «Storylines» nach einem langsameren Sehen. Die Geschichte liegt nicht allein im Bild. Sie entsteht zwischen Quelle und Betrachtung – zwischen dem, was sichtbar wird, und dem, was wir weiterdenken.