Cédric Eisenring & Sonia Kacem «Shifting Surface»
Cédric Eisenring & Sonia Kacem
Mit «Shifting Surface» bringt Edition VFO zwei künstlerische Positionen derselben Generation zusammen, die Druckgrafik aus unterschiedlichen Richtungen denken und über ihre klassische Funktion hinaus erweitern. Im Zentrum der Ausstellung stehen vor allem Unikate und mehrteilige Werkgruppen; zugleich haben beide Künstler:innen exklusiv für die Ausstellung neue Editionen realisiert. Druck erscheint hier weniger als fixe Kategorie denn als Ausdrucksmittel und als eine Weise, die Beziehung von Bild und Material, Ornament und Narration, Träger und Oberfläche neu zu verhandeln.

«Shifting Surface» Sonia Kacem, Cédric Eisenring, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
Sonia Kacem zeigt eine neue Auswahl von Lithografien, die aus ihrer fortlaufenden Arbeit mit Skizzenbüchern hervorgehen. Seit 2019 sammelt sie darin Farben, kalligrafische Gesten, ornamentale Fragmente und beobachtete Formen. In der Lithografie werden diese Elemente geschichtet, gedreht, wiederholt und in neue Verhältnisse von Transparenz und Dichte gesetzt. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Geste und Muster, zwischen singulärer Setzung und serieller Ordnung. Zugleich erinnern ihre wiederkehrenden Zeichen an textile Muster oder Tapeten, ohne je in eine feste Regelmässigkeit zu kippen.

«Shifting Surface» Sonia Kacem, Cédric Eisenring, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
Diese Logik setzt sich in der Hängung fort. Kleinere Lithografien erscheinen in Linien, Clustern und Werkgruppen, während grössere mehrteilige Arbeiten die serielle Struktur innerhalb eines einzelnen Werks entfalten. Eine der verschiebbaren Wände wird dabei als lithografierte, in Silber gedruckte Tapetenstruktur Teil der Ausstellung. Gegen sie ist eine grossformatige Landschaftsarbeit gesetzt, deren wiederkehrende Pinselspuren die Bildsprache der Tapete aufnehmen und erweitern. So wird die Wand selbst zur bildtragenden Fläche.

«Shifting Surface» Sonia Kacem, Cédric Eisenring, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
Cédric Eisenring nähert sich Druckgrafik von der Seite des Bildes und seiner materiellen Einschreibung. Die Hauptgruppe seiner Arbeiten ist im Tiefdruck auf Stoff gedruckt und nähert sich in ihrer frontalen Präsenz und Materialität zum Teil der Malerei an. Die Platten bearbeitet der Künstler selbst, indem er Motive in ein dichtes Raster aus Punkten in die Matrix einschreibt. Figuren, Landschaften, Vorhänge, Blattwerk und szenische Fragmente treten dadurch nur allmählich hervor und bleiben zugleich teilweise verdeckt. Die Arbeiten zeigen und entziehen sich zugleich. Ergänzt wird die Werkgruppe durch zwei Editionen auf Sandpapier, bei denen mittels Chine collé ein fragiles Bildhäutchen auf einen collagierten Grund trifft.

«Shifting Surface» Sonia Kacem, Cédric Eisenring, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
Auch räumlich reagieren beide Positionen präzise auf die Gegebenheiten der Ausstellung. Während Sonia Kacem die Wand als Bildträger aktiviert, entwickelt Cédric Eisenring seine Präsentation ortsspezifisch aus dem Büroraum von Edition VFO heraus. Ein feiner grauer Vorhang wird dort zu Schwelle und Hintergrund zugleich; eine der verschiebbaren Wände lenkt den Weg in dieses Innere und erweitert gleichzeitig die Präsentationsfläche. Mehrere Arbeiten erscheinen bereits an der Aussenseite des Vorhangs, bevor sich dahinter der intimere Innenraum öffnet, fast wie eine kleine Kammer hinter dem Vorhang. So arbeitet Eisenring mit den vorhandenen architektonischen Elementen des Raums und reorganisiert sie, statt ihnen eine separate Szenografie hinzuzufügen.

«Shifting Surface» Sonia Kacem, Cédric Eisenring, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
«Shifting Surface» versteht Druckgrafik damit als räumliche und materielle Praxis, in der Oberflächen, Gesten und Bilder eine neue Form annehmen. Die Ausstellung zeigt, wie sich Druck nicht nur auf dem Blatt, sondern ebenso im Raum, an der Wand und im Verhältnis von Werk und Architektur entfalten kann. So wird Druck hier zu einem Medium, das Bilder nicht nur hervorbringt, sondern auch ihre Bedingungen des Erscheinens mitformt.