Uwe Wittwer «Mission»
Die Sonderedition «Mission» von Uwe Wittwer besteht aus drei grossformatigen Tiefdrucken, die von seiner charakteristischen malerischen Bildsprache geprägt sind. Sie basieren auf Aquarellen, die als Heliogravüren auf die Druckplatte übertragen wurden. Monochrome Flächen in warmen, rostig anmutenden Tönen – ein Kompositionselement, das hohe drucktechnische Kunstfertigkeit verlangt – spannen einen Bogen über die Serie und betonen den fragmentarischen Charakter des Dargestellten. Die braune Farbe geht auf das «Caput mortuum» Eisenoxidpigment zurück, das Wittwer oft für die Grundstruktur seiner Ölgemälde verwendet.

Installationsansicht «Mission» Uwe Wittwer, 2026, Edition VFO, Foto: Cédric Mussano
Die Serie zeigt Figuren, die unterschiedliche geografische und zeitliche Assoziationen wecken mögen: einen Knaben mit Insignien, eine verdoppelte Figur in langem Gewand sowie ein mit Menschen besetztes Boot unter dem Sternenhimmel. Wie so oft bei Wittwer, sind die Motive an bestehendes Bildmaterial angelehnt. In diesem Fall stammen die Referenzen aus den fotografischen Beständen des Pitt Rivers Museums in Oxford. Das Museum wurde 1884 gegründet, als der britische Marineoffizier, Ethnologe und Archäologe Augustus Pitt Rivers (1827-1900) seine Sammlung der Universität Oxford übergab. Besonders an der Dauerausstellung ist die Klassifizierung der Exponate nach Objekttyp, die auf Wunsch von Pitt Rivers bis heute unverändert bleibt. Wittwer entdeckte die Sammlung im Jahr 2006 und war fasziniert von der Präsentation, die grundlegende Fragen zum Umgang mit Artefakten aus anderen Kulturen aufwirft.
Die historischen Fotografien der stetig wachsenden Sammlung des Museums wurden hauptsächlich durch Schenkungen von Kolonialbeamten, Missionaren, Reisenden und Gelehrten akquiriert. Für Wittwer, der sich seit 2020 intensiv mit dem Zusammenhang zwischen kolonialer Expansion, Religion und Handel befasst, stellen diese Bestände ein spannendes Recherchematerial dar. In der Edition «Mission» werden die referenzierten Bilder im kreativen Prozess mehrfach entfremdet und verändert. Details verschwimmen in der malerischen Übersetzung, Schäden und materielle Spuren auf den Bildträgern werden Teil der Komposition, es werden mit der Pinselätzung neue Akzente gesetzt und mit der Aquatinta das Fragmentarische hervorgehoben. Durch diese mehrschichtige Dekonstruktion des Bildes reflektiert Wittwer sowohl das ursprüngliche Dokument als auch den Kontext seiner Entstehung. Die Transformation macht den Blick des Fotografen sichtbar, der selten neutral ist.
Uwe Wittwers künstlerische Praxis umfasst Ölmalerei, Aquarell, Kohlezeichnung, Druckgrafik sowie skulpturale Arbeiten auf Glas. Das Interesse am Wahrheitsanspruch, der Neutralität und dem Realitätsbezug von Bildern zieht sich wie ein roter Faden durch sein Œuvre. Die Sonderedition «Mission» erscheint in Zusammenarbeit mit dem Musée Jenisch Vevey anlässlich der dortigen Retrospektive «Avant que le verre ne cède / Glass is Cracking Silently» (1. Mai bis 9. August 2026).