Julian Charrière «After the Smoke Cradle»

Installationsansicht Julian Charrière, «After the Smoke Cradle», 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
In der Einzelausstellung von Julian Charrière «After the Smoke Cradle», präsentiert der Künstler gemeinsam mit der Edition VFO eine neue Werkgruppe. Zu sehen sind 99 Fotolithografien in einer großformatigen Installation, welche den gesamten Ausstellungsraum der Edition VFO bespielt.
Ausgangspunkt der Arbeiten sind Landschaften, die Charrière im Rahmen seiner Klangarbeit „Stone Speakers“ (2024) auf Expeditionen zu verschiedenen Vulkanen erkundete. Er sammelte vor Ort Gesteinsproben – Vulkanasche, Lava, Obsidian und Schwefel –, die er im Atelier zerkleinerte und zu Pigmenten für Druckfarben verarbeitete.

Installationsansicht Julian Charrière, «After the Smoke Cradle», 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
In der Ausstellung werden drei Sujets gezeigt, jeweils 33-mal variiert, wodurch ein Bildverlauf von hell bis dunkel, von überbelichtet bis schwarz und von klar bis verschattet entsteht. Wiederholung wird hier zum Verfahren. Je länger man sich durch den Raum bewegt, desto deutlicher werden die minimalen Verschiebungen in Körnung, Ton und Farbmischung erkennbar. In jedem Werk kommen das fotografische Abbild und die materielle Spur des Ortes, an dem es seinen Ursprung hat, zusammen. Die Arbeiten funktionieren somit nicht nur als Darstellung von Landschaft, sondern sind aus ihr formiert.
Die Serie wurde 2025 am Zurich Print Institute (ZPI) entwickelt, aufbauend auf Drucksessions grossformatiger Werke. Lithografie wird hier nicht als reine «Bildübertragung» verstanden, sondern als präziser Prozess von Kontakt und Druck: Lithografie reproduziert ein Bild nicht einfach, sondern organisiert eine Choreografie des Kontakts zwischen Platte und Papier, Farbe und Wasser sowie Druck und Entlastung. Das Bild wird nicht auf das Blatt gelegt, sondern ihm wird es in einer Abfolge kalibrierter Handlungen gleichsam entlockt. Charrières Serie macht diese prozessuale Wahrheit sichtbar. Die Drucke werden in Schichten aufgebaut, oft in sechs bis acht Durchgängen. Jede Schicht ist eine dünne Ablagerung, eine Zeitschicht, eine Entscheidung, die nicht rückgängig gemacht werden kann, aber vom nächsten Durchlauf überschrieben werden darf.

Installationsansicht Julian Charrière, «After the Smoke Cradle», 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Lange Zeit hat die Fotografie Evidenz versprochen: «Das ist geschehen», «Das war dort». Charrière hat dieses Versprechen konsequent verkompliziert. Seine Bilder begnügen sich selten mit der Rolle des Dokuments, sondern verhalten sich eher wie Schwellen – Orte, an denen das Sichtbare von dem heimgesucht wird, was es übersteigt: Hitze, Strahlung, Extraktionsgeschichten, glaziale Dauer, ozeanischer Druck. In diesen Drucken wird die Fotografie weder verworfen noch gefeiert. Sie wird porös gemacht.
Formal sind die 99 Blätter als Übung der Aufmerksamkeit angelegt. Die Werke verweigern den schnellen Überblick und arbeiten gegen das «Einmal-sehen-und-weiter»: Wiederkehr, minimale Abweichung und Tonverschiebung machen die Betrachtung selbst zum Thema. «After the Smoke Cradle» setzt somit nicht auf das spektakuläre Naturereignis selbst, sondern auf dessen Nachhall und Residuum – auf das, was bleibt, wenn das Ereignis längst vorbei scheint.

Julian Charrière, «After the Smoke Cradle» (Lava 33), 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss
Zur Ausstellung erscheint Anfang März ein Künstlerbuch im About Books Verlag, das die Serie als fortlaufende Sequenz in Buchform zugänglich macht. Die Publikation kombiniert die 99 Arbeiten mit kurzen Aphorismen des Autors Prof. Dr. Paul Harris (alias Pierre Jardin) sowie zwei einführenden Essays. Der Schutzumschlag wird lithografisch gedruckt, wobei die Farbpalette der im Projekt verwendeten, gemahlenen Gesteinspigmente entspricht. Das Buch versteht sich nicht als Begleitmaterial, sondern als eigenständige Präsentationsform: als Objekt, in dem das Projekt weiterlebt.

Julian Charrière, «After the Smoke Cradle» (Stone 4), 2025, Edition VFO; Foto: Bernhard Strauss
In Zusammenarbeit mit dem Zurich Print Institute (ZPI) und der Steindruckerei Wolfensberger. Kuratiert von David Khalat.