13.06.2026 - 12.09.2026 | Edition Juni

«WORDS»

Die Ausstellung «WORDS» versammelt Werke von Rosa Barba, Robert Barry, Tony Cokes, Bethan Huws, Daniela Keiser, Renée Levi, Jonathan Monk und Nora Turato, in denen Wörter selbst zum Material werden: als einzelne Begriffe, Sätze und Zeichen. Im Zentrum steht weniger Sprache als abstraktes System als vielmehr das Wort als sichtbare Einheit von Bedeutung: ein Element, das gesetzt, wiederholt, verschoben, gedruckt, gelesen und neu kontextualisiert werden kann. Seit der Konzeptkunst der 1960er-Jahre sind Wörter und sprachliche Zeichen zentrale Mittel, um Kunst vom sichtbaren Objekt in den Bereich von Idee, Handlung und Wahrnehmung zu erweitern. Für die Druckgrafik ist diese Entwicklung besonders prägend.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss

Kaum ein anderes Medium verbindet die physische Präsenz von Material, Farbe und Träger so unmittelbar mit der Möglichkeit der Vervielfältigung und Verbreitung von Ideen. Gerade heute, in einer Zeit von Large Language Models, in der Wörter zu Werkzeugen und Bausteinen künstlicher Intelligenz geworden sind, stellt sich die Frage nach ihren Ursprüngen, Strukturen und materiellen Formen neu. In «WORDS» kehren Wörter zu ihren konkreten Erscheinungsformen zurück: zum Alphabet, zum einzelnen Begriff, zum Satz, zum Fragment, zur Spur und zum Zeichen.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Nora Turato, Tony Cokes, Foto: Bernhard Strauss

Mit der Serie «Vaduz-isms» führt Tony Cokes seine Auseinandersetzung mit Wörtern als politischem, affektivem und kulturellem Material fort. Die drei Arbeiten basieren auf Leuchtkästen, die im Rahmen seiner Ausstellung «Tony Cokes – Let Yourself Be Free» im Kunstmuseum Liechtenstein präsentiert wurden (2025–2026). Die Sätze «There is no yesterday in the life of the night», «we don’t have the freedom to be bored anymore» und «forgetting all about tomorrow» klingen zugleich wie Aphorismen und ideologische Formeln. Für die Edition wurden sie als Siebdrucke mit irisierenden Interferenzpigmenten auf schwarzem Papier realisiert. Die Farbe verändert sich je nach Licht und Blickwinkel. Bedeutung erscheint damit nicht fixiert, sondern abhängig von Kontext, Perspektive und Position.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Daniela Keiser, Rosa Barba, Renée Levi; Foto: Bernhard Strauss

Daniela Keisers neue Werkserie «News from the Banana Leaves» basiert auf einer Fotografie, die während einer Reise nach Tamil Nadu im Januar 2025 entstanden ist. In lokalen Kantinen begegnete Keiser Stapeln frischer Bananenblätter, zwischen die Zeitungsblätter gelegt wurden. Durch die dünnen Blätter scheinen Schrift und Bilder der Zeitung hindurch. Das Motiv verbindet Alltag, Wörter und Information auf einfache Weise und öffnet zugleich Fragen nach Übersetzung, Lesbarkeit und Nicht-Verstehen. Realisiert wurden die Arbeiten als Heliogravüren: Das fotografische Motiv wurde in vier Ebenen auf separate Platten übertragen, aus denen im Druckprozess unterschiedliche Kombinationen und Farbvarianten entstanden. Die Farben beziehen sich auf verschiedene Teile und Zustände der Bananenpflanze. Wie Wörter verändern auch sie sich, verschieben Bedeutungen und bringen neue Formen hervor.


«WORDS» 2026, Rosa Barba, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss

Rosa Barbas neue Edition entsteht aus einer Kugel, deren Oberfläche vollständig mit Buchstaben, Zahlen und Zeichen besetzt ist. Die Skulptur ist zugleich Objekt, Archiv und Druckwerkzeug. Für die Edition wurde sie eingefärbt und von Hand über das Papier geführt. Jede Bewegung, jede Drehung und jeder Druck hinterlassen eine andere Spur, sodass eine Serie von 20 Unikaten entsteht. Die Arbeit knüpft an Barbas «Language Infinity Sphere» an: eine Skulptur aus alten Bleisatzzeichen – eine dichte Matrix aus Zahlen, Zeichen und Fragmenten. Wörter werden hier zu einem materiellen Speicher von Information, Zeit und Bewegung.


«WORDS» 2026, Renée Levi, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss

Renée Levis «Annie» besteht aus 39 Monotypien, gegliedert in dreizehn dreiteilige Sequenzen. Ausgangspunkt ist das Alphabet: Das erste Blatt beginnt jeweils mit «a», das zweite mit «d», das dritte mit «g». Aus diesem einfachen System entstehen drei Varianten. Dünne dunkelblaue Buchstaben erscheinen beinahe gesprüht auf manganfarbenem Grund, andere Zeichen werden zu breiten körperhaften Formen oder treten als manganfarbene Schriftzeichen auf manganfarbenem Grund nur durch Auftrag, Spur und Abdruck hervor. Levi verwendet das Alphabet nicht als neutrales Ordnungssystem, sondern als Material. Buchstaben bleiben lesbar und entziehen sich zugleich dem Lesen. In der Monotypie wird das Zeichen zum Abdruck eines Moments: Das Zeichen wird Bild, das Bild bleibt Zeichen.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Nora Turato, Bethan Huws; Foto: Bernhard Strauss

Nora Turatos neue Arbeiten für die Edition VFO und Monopol Magazin entstehen aus dem Material, das ihre Praxis seit Jahren prägt: Wörter. Die drei Arbeiten tragen die Titel «i could be», «i could live» und «i could love». Die knappen Formulierungen wirken direkt, entfalten aber durch ihre grammatische Offenheit eine grössere Spannung. Das «i could» beschreibt keinen festen Zustand, sondern eine Möglichkeit: sein, leben, lieben. Gedruckt wurden die Arbeiten in gelber Schrift auf rotem Plexiglas. Herzform, Farbe und Material greifen eine scheinbar universelle Bildsprache von Liebe, Emotionalität und Popkultur auf, kippen diese aber in eine präzise zeichenhafte Setzung. Durch die Aufhängung mit Abstandhaltern lösen sich die Werke von der Wand und erscheinen als schwebende Zeichen im Raum.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Foto: Bernhard Strauss

Robert Barrys Edition «TIME…» erscheint im A3-Format, in intensiven Blautönen und mit Künstlerrahmen. Die Arbeit steht in direkter Verbindung zu Barrys aktueller Beschäftigung mit dem Wort «Time», das er nicht nur als Begriff, sondern als visuelles Element versteht. Seit den späten 1960er-Jahren untersucht Barry Formen von Präsenz, die sich der direkten Wahrnehmung entziehen, wie beispielsweise Radiowellen, Inertgase und elektromagnetische Felder. In «TIME…» wird Zeit nicht dargestellt; sie wird als Erfahrung aktiviert. Die drei Punkte öffnen den Begriff und verweisen darauf, dass etwas über den gegenwärtigen Moment hinaus weiterläuft. Zwischen Wort, Form und Farbe entsteht ein gedanklicher Raum, in dem Zeit als Dauer, Erinnerung und Erwartung erscheint.

«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Robert Barry; Foto: Bernhard Strauss

Die fünf Editionen von Bethan Huws übertragen ihre «Word Vitrines» in den Siebdruck. Seit 1999 arbeitet Huws mit industriell gefertigten Informationskästen mit Glasfront, schwarzem Hintergrund und austauschbaren weissen Buchstaben, wie man sie aus Restaurants, Büros oder öffentlichen Räumen kennt. Auf Papier wird diese formale Klarheit zu einer reduzierten Bildstruktur: schwarzer Grund, präzise Typografie, starke Kontraste. Sätze wie «Sometimes we do not know what’s being said to us», «Meaning is the deepest level of language» oder «Black is a colour» funktionieren nicht als eindeutige Botschaften, sondern als Denkimpulse. Besonders die schwarz auf schwarz gedruckte Arbeit führt diese Reflexion in die Materialität des Drucks zurück: Der Satz ist vorhanden, aber seine Sichtbarkeit hängt vom Sehen selbst ab.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Bethan Huws; Foto: Bernhard Strauss

Jonathan Monks neue Werkserie beginnt mit dem Satz: «This screen print on whiteboard edition should ideally be hung to the right of a ______». Im Siebdruck auf ein handelsübliches Whiteboard gedruckt, enthält er eine Leerstelle, die Monk von Hand mit blauem Whiteboard-Marker ergänzt. Dort stehen Namen von renommierten Kunstschaffenden. Daraus entsteht eine präzise Arbeit über Hängung, Wert und die Macht des Namens. Der gedruckte Satz wiederholt sich, die handschriftliche Ergänzung macht jedes Whiteboard zum Unikat. Dass der Satz selbst von einer «edition» spricht, ist Teil der Arbeit: Monk setzt einen Begriff aus der Welt der Vervielfältigung auf ein Objekt, das durch Handschrift wieder singulär wird. Das Whiteboard verweist zugleich auf Orte, an denen Ideen notiert, korrigiert und wieder gelöscht werden.


«WORDS» 2026, Edition VFO, Ausstellungssansicht: Jonathan Monk; Foto: Bernhard Strauss

Die Arbeiten in «WORDS» führen das Wort aus digitalen, konzeptuellen, alltäglichen und politischen Zusammenhängen zurück in eine materielle Form: gedruckt, gerollt, gerahmt, gespiegelt, überblendet oder von Hand ergänzt. Gerade darin liegt die Aktualität von Konzeptkunst und Word Art für die Druckgrafik. Druck ist nicht nur ein Verfahren zur Vervielfältigung von Bildern, sondern vor allem ein Mittel, um Wörter als Träger von Ideen, Systemen und Haltungen in Umlauf zu bringen. In einer Gegenwart, die von Bildschirmen, Plattformen, Werbung, Nachrichten und KI-generierten Prozessen geprägt ist, bestehen diese Arbeiten auf der physischen Präsenz von Wörtern. Sie zeigen, dass ein Wort nicht nur etwas bedeutet, sondern auch Form, Farbe, Material, Kontext und Geschichte hat.